ARCHITEKTUR = BAUKUNST = KUNST ???

In der großen Familie der Künste ist die Architektur immer so etwas wie ein armer Verwandter gewesen. Selbst die alten Griechen, Schöpfer von Bauwerken, die noch nach über zweieinhalbtausend Jahren zu den schönsten der Welt zählen, billigten ihr nie eine eigene Muse zu. (...)

Die traurige Wahrheit ist, dass fast alle Architekten der zivilisierten Welt vor der Renaissance – und dazu gehören die Erbauer praktisch jeder mittelalterlichen Kathedrale – für uns namen- und gesichtslos sind. (...)

Und nicht nur die Individuen fanden keine Anerkennung; das ganze Mittelalter hindurch verschmolz der Beruf des Architekten oft mit dem eines Steinmetzmeisters. (...)

Warum aber wurden sowohl die Baukunst als auch die Männer, die sie praktizierten, so konsequent unterbewertet? Dafür gibt es (...) zwei Hauptgründe. Zunächst einmal handelt es sich hier um keine reine Kunst. Das heißt nicht, dass sie unter den Händen des Meisters nicht ebenso großartig gelingen kann wie jede andere bildende Kunst oder auch die Musik, aber während die anderen Künste (...) im wesentlichen für sich selbst existieren, ist es in der Architektur nicht so einfach: hier muss jede Schöpfung eine ernsthafte und ganz spezifische Aufgabe erfüllen. Es genügt nicht, dass der Architekt ein wunderschönes Gebäude errichtet, so wie etwa der Maler ein Bild malt oder der Komponist eine Symphonie komponiert; das Gebäude muss außerdem einem bestimmten Zweck dienen. (...) Es gibt keine gute Architektur, die nicht gleichzeitig zweckdienliche Architektur ist. (...) Kommen wir zum zweiten Grund, warum die Baukunst nicht so respektiert wird, wie sie es verdient. Es gibt zu viel davon. Wir sehen sie überall und deshalb sehen wir sie überhaupt nicht. Unsere Sinne sind abgestumpft und reagieren nicht mehr so darauf wie auf ein Gemälde oder eine Skulptur. Oft ist es allerdings nicht schade darum. Nur wenigen von uns ist es vergönnt – wenn wir nicht gerade das Glück haben in Rom oder Venedig zu wohnen – inmitten schöner Architektur zu leben. Für die anderen, die nun einmal mit einer Umwelt geschlagen sind, die allzu häufig vom Mittelmäßigen bis zum, offen gesagt, Schauderhaften reicht, ist eine gewisse Betäubung des ästhetischen Empfindens lediglich von Vorteil. Das heißt aber nicht, dass wir nicht in der Lage sein sollten, es bei Bedarf wieder zu schärfen. (...)

Denn schließlich hat die Architektur eine wichtige soziale Bedeutung:

Bauwerke sind eine einzigartige – nämlich die beständigste und handgreiflichste – Konkretisierung menschlicher Bedürfnisse und Träume.

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Quelle

„Der grosse Bildatlas der Architektur“ – Vorwort von John Julius Norwich